Die Idee war schon vor über einem Jahr geboren worden! Die Frage kam im Kreis der "Rentnerbänd" auf, ob wir bei unseren monatlichen Touren nicht auch mal eine mehrtägige Wanderung einlegen könnten. Als ein gewisses Interesse erkenntlich wurde, bot Wolfgang sich an, zunächst einmal die Möglichkeiten für eine Wanderung durch die Wutachschlucht zu erkunden. Allein schon die Nennung dieses Ziels erhöhte die Zahl der Interessenten deutlich! Im Herbst berichtete er dann über seine Recherchen, über Startort, Übernachtungsmöglichkeit, Rastpunkte und über den Zielort, auch über die voraussichtlichen Längen der einzelnen Etappen. Die Wanderung wurde beschlossen, der Termin auf den 5. Juni 2002 festgelegt!
Im Frühjahr dieses Jahres meldeten sich 11 Mitwanderer (10 Montagturner, ein Gast) verbindlich an, Wolfgang sammelte das Geld für den Gruppenfahrschein ein, die Teilnehmer erhielten kurz vor Pfingsten zur Einstimmung eine Skizze des Wandergebiets und Beschreibungen einiger der zu durchwandernden Schluchten, und am ersten Turnabend nach den Pfingstferien, nur zwei Tage vor der Wanderung, erhielt jeder seinen Zettel mit dem Fahrplan und einigen wichtigen Hinweisen. Leider musste da Gunter auf Anraten seines Arztes absagen, er stellte aber seinen schon bezahlten Fahrpreis zur Verfügung (Danke, Gunter!) und ein "Ersatzmann" war schnell gefunden.
Am Mittwoch, dem 5. Juni, um 6.45 Uhr trafen sich die 11 Wanderer mit ihren mehr oder weniger wuchtigen Rucksäcken am Hauptbahnhof, der Intercity nach Freiburg kam pünktlich, und nach zweimaligem Umsteigen waren wir 20 Minuten vor 10 Uhr in Rötenbach, dem Ausgangspunkt unserer Wanderung.
Auf dem Weg durch den Ort kamen wir an einer Wetterstation vorbei, wo wir erkannten, dass wir nicht wegen unser Rucksäcke schon jetzt schwitzten, sondern wegen der für den Hochschwarzwald, (über 800 Meter Höhe) recht hohen Temperatur von 23 Grad, außerdem war die Luftfeuchtigkeit ziemlich hoch! Der gelegentliche Ausblick nach Süden zeigte, dass über den Alpen Föhn herrschte und wir hofften, etwas davon mit zu bekommen. Tatsächlich war das Wetter an den beiden Tagen bis auf einen leichten Regen am frühen Nachmittag am Mittwoch ausgesprochen gut, sehr oft schien die Sonne.
Wie wir es erwartet hatten, war eine Karte absolut überflüssig, die Wegweiser führten uns auf kürzestem Weg zum Rötenbach und zur ersten Schlucht. An ihrem eigentlichen Beginn unterrichteten wir uns auf einer großen Hinweistafel über Geologie, Fauna und Flora des ganzen Bereiches. Zur Eingewöhnung für uns ungeübte Schluchtwanderer war diese erste Strecke recht leicht, nur kleine An- und Abstiege und gelegentlich ein schmaler Pfad waren zu bewältigen. So erreichten wir bald den Zusammenfluss des Rötenbachs mit der Wutach, die hier aber einen recht freundlichen Eindruck vermittelte. Eine Rast, die wir mit der Mittagspause verbanden, bereitete uns auf den doch etwas beschwerlicheren Weiterweg vor.
Es ging sofort kräftig bergan, und natürlich folgte darauf wieder der Abstieg zur Wutach. Wir erreichten die Stallegger Brücke und das Kraftwerk, das in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts gebaut worden war, 1981 stillgelegt wurde und seit kurzem wieder Strom liefert. Wieder bergauf am Räuberschlössle vorbei ging es durch ein Seitental in stetigem Anstieg auf die Hochebene und, wie sollte es auch anders sein, gleich wieder hinab, nun aber zu unserem Ziel für heute, zur Schattenmühle. Bei diesem Abstieg begleitete uns auch der Regenschauer, der aber mit den Schirmen leicht entschärft werden konnte.
In der Schattenmühle, die nun ein Wandererhotel ist, begrüßte uns der Wirt, der im Gespräch erwähnte, dass der Besuch der Klamm des Lotenbachs, der gleich gegenüber in die Wutach mündet, Pflicht sei. Unsere Verhandlungen, dass es dann aber seine Pflicht sei, uns im Nebenzimmer zuerst die zweite Halbzeit des Spiels Deutschland - Irland ansehen zu lassen, waren erfolgreich, es stand, wenn man so will, 1 : 1, und mehr schafften unsere Elitekicker auch nicht! Die in der letzten Minute des Spiels verloren gegangene Euphorie gewannen wir aber sofort wieder, als wir kurz vor 16 Uhr die Lotenbachklamm betraten. Das war ein Schluchtweg, wie wir ihn uns vorgestellt hatten. Wir stiegen neben kleinen und größeren Wasserfällen auf bis zur oben vorbei führenden Bundesstraße Titisee - Bonndorf, und weil genau am Ausstieg eine Omnibushaltestelle war, saßen wir da etwa eine Stunde in der strahlenden Sonne auf den Wartebänken. Der Fahrer des Linienbusses hatte uns bei seiner ersten Vorbeifahrt mitnehmen wollen, seinen Irrtum aber rechtzeitig erkannt und winkte uns später nur noch freundlich zu. Zum Abstieg gingen wir einen etwas anderen Weg, der etwas höher im Wald verlief und schöne Tiefblicke bot.
Nach dem Frischmachen in der Schattenmühle trafen wir uns zum Nachtessen gegen 19 Uhr und saßen bei tiefschürfenden Gesprächen noch ein paar Stunden zusammen. Karl Heinz spendierte zwei Flaschen Rotwein, das "Karl Heinz, wir danken dir ..." musste aber ausfallen, da niemand den der Gegend angemessenen Hotzenwälder Dialekt beherrschte. Danach genossen wir die wohlverdiente Ruhe. Um 8 Uhr gab es Frühstück und da wir wieder eine recht lange Strecke ohne Einkehr vor uns hatten, hatte der Wirt uns ein Vesperbrot gerichtet. Insgesamt waren wir mit der Unterbringung und Versorgung sehr zufrieden. Die Preise waren zwar nicht niedrig, aber angesichts der doch recht exponierten Lage des Gasthauses durchaus angemessen.
Um 9 Uhr waren wir wieder auf unserem Weg, und nun lernten wir hier die ganze Romantik der Wutachschlucht kennen. Der Weg führte zwar wieder auf und ab, manchmal ganz unten im Urwald, dann wieder hoch oben, aber immer wieder hatten wir Ausblicke zum Wasser. Meist war er schmal, häufig durch den nächtlichen Regen rutschig und verschlammt, aber mit einiger Vorsicht gut begehbar. Auf einem Steg kreuzten wir die Wutach, auch hier wieder das Auf und Ab, mal im Felsen, mal auf der Talsohle, und gegen 11 Uhr bekamen wir die Schurhammer-Hütte am Zugang nach Boll in den Blick, wo wir eine halbe Stunde Rast machten, um unser Brot zu verzehren.
Nach dem Fototermin gingen wir auf einem breiten, ebenen Weg, der von wunderbaren alten Bäumen eingefasst war, am Platz vorbei, auf dem früher einmal Häuser von Bad Boll standen, die aber seit mindestens zwanzig Jahren, wie sich Edgar erinnerte, nicht mehr existieren. Bald erreichten wir den Ludwig-Neumann-Weg, der durch Urwald, direkt am Fluss entlang und über hoch in den Fels gesprengte Galerien führte. Von diesen hatten wir atemberaubende Ausblicke zur 70, 80 Meter tiefer senkrecht unter uns vorbeifließenden Wutach. Auf dem Rümmelesteg, einer Hängebrücken-ähnlichen Metallkonstruktion, kreuzten wir die Wutach und erlaubten uns den Umweg zum alten Steg, der, da das Widerlager am nördlichen Ufer weggerissen war, frei bis über die Mitte der Wutach hinausragte. Kurz danach standen wir an einem Wutachbogen unter einer riesigen Felswand, die wir als Hintergrund eines weiteren Gruppenfotos verwendeten. Dann wanderten wir entlang des Bereichs der Wutachversickerung, was aber wegen der starken Wasserführung kaum auffiel. Erst etwas später beim Austritt des Wassers erkannte man, dass da doch eine ganze Menge den Weg unter der Erde genommen hatte.
Immer wieder dicht am Wasser oder nur ein paar Meter weiter oben erreichten wir nach mehrfacher Überquerung des Flusses kurz nach 13 Uhr die Gauchach-Mündung und hier mit ca. 585 Metern den tiefsten Punkt unserer Wanderung. Durch die Schlucht dieses Baches, die noch uriger ist als Alles, was wir vorher gesehen hatten, gingen wir zur Burgmühle, die wir eine halbe Stunde später erreichten. Da wir sehr gut in unserem Zeitplan lagen, machten wir hier eine große Rast. Das alte Mühlhaus gehört seit 1929 den Naturfreunden, seit 1945 ist es Wanderheim und wird seit etwa zwei Jahren ehrenamtlich betreut. Nach zwei Stunden für Essen, Trinken und Ausruhen gingen wir die letzte Etappe an. Es waren noch gut 5 Kilometer, etwa die Hälfte in der Schlucht, dann der Anstieg auf die Hochebene und der Rest durch Wiesen und Feldern mit weiten Ausblicken über die Baar. Seit zwei Tagen hatten wir nicht mehr so weit schauen können! Döggingen und die Bahnlinie waren schon von Weitem zu sehen, aber zum Bahnhof mussten wir den Ort noch vom Süden nach Norden durchqueren. Ungefähr um 17.15 Uhr waren wir am Bahnhof, und fünf Minuten später fielen die ersten Tropfen! Bis unser Zug um 18 Uhr kam, hatte sich ein kräftiges Gewitter ausgebildet, das seinen Höhepunkt erreicht hatte, als wir in Villingen in den Zug nach Karlsruhe umstiegen. Wir waren froh, dass uns das Wetter, das in Süddeutschland schwere Schäden verursachte und sogar Todesopfer forderte, nicht in der Schlucht erwischt hatte. Zwar wäre ein Hochwassereinbruch, wie er früher fast jede Mühle dieser Schluchten schon mehrfach zerstört hatte, so schnell nicht zu erwarten gewesen, aber das Laufen bei strömendem Regen auf den engen, schmierigen Schluchtwegen wäre wahrlich kein Vergnügen gewesen! Doch die Planung unseres Wanderführers war einfach perfekt bis in dieses Detail, wir erreichten Karlsruhe wie vorgesehen um 20.47 Uhr und bald war jeder zu Hause.
Selbstverständlich gilt der Dank aller Teilnehmer Wolfgang für die perfekte Vorbereitung und ich freue mich, dass ich ihn mit ein paar Schreibarbeiten ein wenig unterstützen konnte. Für alle Mitwanderer aber gilt, dass wir in einer wunderschönen und manchmal urtümlichen Umwelt gemeinsam zwei anstrengende, jedoch sehr harmonische Tage verbrachten.
Gernod Schomberg