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Gründungsgeschichte des Turn- und Sportvereins 1874 e.V. Rüppurr in Karlsruhe

Im Jahr 1868, dem Gründungsjahr der Deutschen Turnerschaft, ist auch zum ersten Mal von einem Vorläufer des späteren Rüppurrer Turnvereins die Rede. Einige Gründungsmitglieder dieser frühen Turnvereinigung waren Friedrich Schäfer (Vorstand), Stefan Schäfer, Friedrich Kraft (Kronenwirt), Georg Friedrich Furrer, Leopold Schäfer, Ludwig Kiefer und Christoph Kiefer. "Geturnt wurde dazumal auf einem freien Platz gegenüber dem Kronengarten." Bedingt durch das Ausbrechen des Deutsch-Französischen Krieges kam der junge Verein jedoch wieder zum Erliegen. Es brauchte noch einige Jahre, bis sich das Turnen in Rüppurr endgültig etablieren konnte.

Auch im übrigen Deutschland wurde infolge des Kriegsausbruchs im Sommer 1870 der Turnbetrieb weitgehend unterbrochen. Die Turner standen jetzt entschlossen hinter der preußisch-deutschen Führung und waren stolz, dem Vaterland mit guten Kämpfern und beachtlichen Leistungen dienen zu können. Von dem erfolgreichen Abschluß versprachen sich die Turner die Erfüllung ihrer nationalpolitischen Erwartungen. 1871 nutzte Bismarck die nationale Kriegsbegeisterung zur Gründung des deutschen Kaiserreiches. Er selbst wurde Reichskanzler, und Wilhelm I. wurde im Spiegelsaal von Versailles zum Deutschen Kaiser proklamiert. In den ersten Jahren nach der Reichsgründung kam es zu einer gewissen Stagnation der Turnbewegung, da das Verlangen vieler Turner nach dem Zusammenschluß aller deutschen Staaten in dem von Bismarck gegründeten Nationalstaat weitgehend erfüllt war.

1874
Die ersten Anfänge

In diese Zeit nach der Reichsgründung gehen die Ursprünge des heutigen Turn- und Sportvereins 1874 Rüppurr e.V. zurück und damit, im Gegensatz zu den benachbarten Vereinen Karlsruhe, Durlach und Ettlingen, nicht in den Zeitraum der dritten Gründungswelle.

Dank des großen Engagements des Hauptlehrers Fritz Hiller und einiger Turnkameraden wurde am 1. August 1874 der Turnverein Rüppurr ins Leben gerufen. Getauft hatte man den Verein: "Turnverein Gut Heil 1874 Rüppurr bei Karlsruhe". Zu den Gründungsmitgliedern gehörten neben Fritz Hiller unter anderem Adolf Walz, Rudolf Mangold, Friedrich Rothmund, Leopold Dolde, Friedrich Dolde, Ludwig Schöchle, Martin Furrer, Friedrich Lichtenfels, Friedrich Joachim, Christoph Karcher, Christian Dolde, Jakob Friedrich Glockner, Leopold Fischer, Christian Bohraus, Julius Gabelmann, Johann Bohraus, Alex Kraft, Karl Heinrich Furrer und Martin Süß. Die guten Verbindungen des 1. Vorsitzenden Fritz Hiller zu Alfred Maul, dem damaligen Direktor der Turnlehrer-Bildungsanstalt und 1. Vorsitzenden des Karlsruher Turnvereins, wirkten sich sehr positiv auf die Vereinsentwicklung und Förderung junger Turner aus. So setzte er sich auch besonders dafür ein, "daß der rührige Vorturner Adolf Walz die erforderliche methodische und turnerische Weiterbildung unter Direktor Maul in Karlsruhe erfuhr."

Nach der Gründung des Sängerbundes 1856 und der Freiwilligen Feuerwehr 1870 zählte der Turnverein zu den ersten Vereinigungen des damaligen Bauern- und Industriearbeiterdorfes Rüppurr.

Zunächst fand der Turnbetrieb der Männer- und Knabenriege im Hof des Vorstandes in der Rastatter Straße statt, da es weit und breit noch keine geeignete Turnhalle und auch kein turntaugliches Gasthaus gab. Als 1875 die ersten Turngeräte angeschafft werden konnten, verlegte man die Übungsstunden in den Schloßhof in Kleinrüppurr. Dem Vorturner Peter Karrer, aktiver Sergeant im Infanterie-Regiment 111 in Rastatt, "erschien es als selbstverständlich, daß er jedesmal zu den Turnstunden hierher kam, um das Turnen in straffer Bahn zu halten."

1877

Peter Karrer war es auch, der sich 1877 bereit erklärte, die Vorstandschaft des Turnvereins zu übernehmen. Zuvor hatten die Anschaffung der teuren Geräte und das gesundheitsbedingte Ausscheiden Fritz Hillers den jungen Verein in eine schwere finanzielle und personelle Krise gestürzt. Nur durch große Mühe und Ausdauer gelang es Peter Karrer sowie den noch übriggebliebenen Vereinsmitgliedern, neue Anhänger zu werben, den Kassenbestand anzuheben und den Turnbetrieb wieder aufzunehmen. Beiträge und Satzungen wurden erstmals festgelegt, die Vorturnerstunden in Karlsruhe regelmäßig besucht und endlich für die Wintermonate ein "Turnlokal" im Gasthaus Strauß gefunden.

1885

Das Jahr 1885 galt als besonderer Höhepunkt. Der Turnverein hatte sich eine eigene Fahne angeschafft und vom Gauverband anläßlich seiner Fahnenweihe zum ersten Mal die Ausrichtung des Gauturnfestes übertragen bekommen. 16 Vereine mit insgesamt 252 Turnern beteiligten sich damals an den Einzel- und Vereinswettkämpfen. Auch der Turnverein Rüppurr, der bereits 84 Mitglieder zählte, war erfolgreich vertreten.

Kurze Zeit später mußte der Verein seinen Turnplatz aufgeben, da die dortigen Stallungen im Schloßhof von einer Batterie der Gottesauer Artillerie bezogen wurden. Ersatz fand sich im Garten des Gasthauses Eichhorn. Die Gaststätte diente gleichzeitig als Vereinsheim und bot ab 1899 in einem geräumigen Saal Platz für die turnerische Arbeit des Vereins. Über Jahrzehnte sollte hier der Turnverein sein Zuhause haben.

1899
25-jähriges Jubiläum

Die Feier 1899 zum 25-jährigen Bestehen des Turnvereins erzeugte große Bewunderung bei der Rüppurrer Bevölkerung. Eingeleitet durch einen Festzug innerhalb des Ortes fand anschließend ein Preis- und Schauturnen auf dem Schloßhof statt. Dabei boten die Turner, besonders Josef Kuch und Fritz Billet, beeindruckende Leistungen am hohen Reck, am Barren und Pferd. Da Feste in der Zeit vor 1900 eher eine Seltenheit im Dorf Rüppurr waren, galten Veranstaltungen und Darbietungen der Turner stets als etwas Besonderes. Welche Wirkung dies auf Jugendliche ausübte, beschrieb Karl Baier in einem Rückblick auf die Vereinsgeschichte folgendermaßen:

"Das festliche Leben auf dem von Bäumen umsäumten Schloßhof Rüppurr bot unvergeßliche Eindrücke. Am meisten aber beschäftigten mich die Darbietungen der Turner an verschiedenen Geräten... Das war für uns Buben etwas Erstaunliches, Hinreißendes... Was wir da gesehen hatten an turnerischer Fertigkeit und Leistung, ließ uns nicht mehr los. Ja, so mutig, beweglich und tüchtig sollte man werden wie diese Rüppurrer Turner."

Somit dienten die Schauvorführungen der Turner nicht nur der Vorstellung des Gelernten, sondern auch der Werbung neuer Mitglieder. Viele Jugendliche fanden aufgrund der öffentlichen turnerischen Darbietungen nach der Schulzeit Zugang zur Turnsache und damit zum Verein. Weiteren Zustrom erhielt der Rüppurrer Turnverein häufig durch junge Männer, die nach ihrer erfolgreichen Musterung zum Militärdienst Zuflucht im Verein suchten, "um sich in den folgenden Sommermonaten an den Geräten und sonstiger Bewegung die nötige Behendigkeit und Gewandtheit anzueignen." Schließlich wollte man nicht als ungeschickter und schwerfälliger Anfänger auf dem Kasernenhof antreten!

Das Vereinsleben blühte förmlich auf. Die Turnabende wurden regelmäßig besucht, und auf zahlreichen Turnwettkämpfen konnte sich der Verein Anerkennung verschaffen und sein turnerisches Können unter Beweis stellen. Auch das gesellige Zusammensein der Mitglieder hatte neben der turnerischen Ausbildung einen hohen Stellenwert. Turnfahrten, Gartenfeste, Tanzkränzchen, Schauvorführungen, Turnerbälle und Weihnachtsfeiern bereicherten jährlich das Vereinsprogramm.

Ungewöhnlich ist der häufige Wechsel innerhalb des gesamten Turnrates in dieser Zeit. Allein Ludwig Fischer gelang es, über mehrere Jahre die Vorstandschaft zu übernehmen (1895-1901). Für seine großen Verdienste wurde er einstimmig zum ersten Ehrenvorstand ernannt.

 

Der Aufschwung der Turnbewegung von 1850 - 1864

Die Unterdrückung der Turnbewegung durch die Regierungen der deutschen Staaten hatte zur Folge, daß das Vereinsturnen nach der Revolution am Boden lag. Das Schulturnen gewann dagegen an Bedeutung. Wesentlich beeinflußt wurde es von dem hessischen Pädagogen Adolf Spieß, der in den Jahren 1842-1851 seine wichtigsten Bücher veröffentlicht und das Turnen durch eine Systematisierung und Methodisierung unterrichtsfähig gemacht hatte. Das Turnen als Schulfach wurde nach 1850 zunächst in den höheren Knabenschulen eingeführt und konnte sich ab den 60er Jahren schrittweise im Volksschulwesen und in den höheren Mädchenschulen durchsetzen.

Nach den ersten beiden Phasen des Aufschwungs (1811-1819 sowie 1844-1849) setzte dann erneut Ende der 50er Jahre eine dritte große Gründungswelle von Turnvereinen ein. Allein zwischen 1860 und 1862 entstanden über 1000 Turnvereine, weitere 650 Neugründungen kamen bis zum Jahre 1864 hinzu. Ausschlaggebend waren die politischen Vorgänge des Jahres 1859, die eine Welle nationaler Begeisterung ausgelöst hatten, von der auch das Turnen erfaßt wurde. Napoleon III. hatte im italienischen Feldzug gegen Österreich gekämpft und stellte mit seinen Ansprüchen auf die linksrheinischen Gebiete eine Bedrohung für Deutschland dar.

In dieser Situation verfaßten die schwäbischen Turnführer Georgii aus Esslingen und Kallenberg aus Stuttgart 1860 einen "Ruf zur Sammlung", der im März in der Deutschen Turnzeitung erschien. Alle Turngenossen wurden darin aufgefordert, sich zu einem Allgemeinen deutschen Turn- und Jugendfest zusammen zu finden, welches daraufhin im Juni 1860 in Coburg mit über 10.000 Teilnehmern stattfand. Gleichzeitig hielt man einen Turntag ab, bei dem sich die liberalen und demokratischen Kräfte der Turnbewegung erstmals seit 1850 wieder miteinander auseinandersetzten. Auf diesem Coburger Turntag wurde durch Kallenberg der erste Antrag zur Gründung eines gesamtdeutschen Turnerbundes gestellt. Der Vorschlag fand zunächst mehrheitlich Ablehnung, da man befürchtete, in Konflikt mit den noch bestehenden Vereinsgesetzen zu geraten.

In Baden handelte man dagegen schneller. Karlsruher Turner waren es, die auf Antrag der Turnvereine des Oberrheins sämtliche badischen Turnvereine im Dezember 1860 einluden, mit dem Ziel, einen gemeinsamen badischen Hauptverein zu gründen. Mannheim, Heidelberg, Bretten, Karlsruhe, Pforzheim, Renchen, Kehl, Offenburg, Lahr und Freiburg folgten dieser Einladung, auf der man einheitlich die Bildung eines "Oberrheinischen Turnerbundes", als Zweig eines noch zu gründenden deutschen Turnerbundes, beschloß. In den Satzungen des neu gegründeten Bundes wurde unter anderem festgelegt, daß sich der Oberrheinische Turnerbund verstärkt um die Herstellung einer regen Wechselbeziehung zwischen den Mitgliedsvereinen und um die Abhaltung regelmäßiger Turnfeste bemühen werde. Für die Jahre 1860/61 wählte man Karlsruhe zum Vorort des Oberrheinischen Turnerbundes, so daß 1861 bereits das erste Oberrheinische Turnfest in Karlsruhe unter der Leitung des Turnwarts Kaffenberger stattfand.

Inzwischen war auch der Einfluß der liberalen gemäßigten Turner stärker geworden, die die Leibesübungen an sich in den Mittelpunkt des Vereinsleben stellten. Auf dem Turntag des Zweiten Allgemeinen Turnfests in Berlin wurde daher vom dort gewählten Ausschuß zur Begründung eines gesamtdeutschen Verbandes für das Turnen, an dessen Spitze Georgii und Götz standen, folgendes beschlossen:

"Das Turnen kann nur dann seine reichen Früchte entfalten, wenn es als Mittel betrachtet wird, dem Vaterlande ganze, tüchtige Männer zu erziehen; jede politische Parteistellung jedoch muß den Turnvereinen als solchen unbedingt fernbleiben."

Zwar verloren die Vereine politisch an Bedeutung, dennoch wurde mit der körperlichen Kräftigung und vaterländischen Erziehung immer noch der Wehrgedanke verbunden. So pflegten die Turnvereine neben dem Turnen auch die Ausbildung an den Waffen. Der Mannheimer Turnverein stellte sogar den Antrag, sich in einen "Turn- und Wehrverein" umformen zu dürfen, und einige Vereine nahmen Verbindung mit Schützenvereinen auf, um sich auf deren Plätzen im Schießen und Bajonettfechten zu üben.

Die Entwicklung des Mädchen- und Frauenturnens konnte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ebenfalls entscheidende Fortschritte machen. Der Abbau der traditionellen Rollenvorstellungen innerhalb der Gesellschaft führte gleichzeitig dazu, daß es in den Turnvereinen vielfach zur Gründung von Frauenabteilungen kam.

Die Gründung der Deutschen Turnerschaft

Der preußisch-österreichische Krieg 1866 bewirkte einen erneuten Niedergang der Turnbewegung. Es kam zu einem regelrechten Bruderkrieg, da die demokratischen Turner, die in den deutschen Mittelstaaten zu Hause waren, auf der Seite Österreichs gegen die preußischen Turner kämpften, welche in der Schlacht von Königgrätz den entscheidenden Sieg für Preußen erringen halfen. Zwar war mit der Einigung Deutschlands nach dem preußisch-österreichischen Krieg eine langgehegte Idee der Turnbewegung Wirklichkeit geworden, doch der Weg, auf dem dieses Ziel erreicht wurde, entsprach nicht den Vorstellungen der Turner. Diese Ereignisse und zusätzlich die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise von 1866/67 führten dazu, daß die Turnbewegung bis 1868 etwa 40.000 Mitglieder, d.h. nahezu ein Viertel ihres Bestandes verlor.

Um den Rückgang aufzuhalten, erfolgte im März 1868 von Georgii und Götz die Einberufung aller Turnvereine zum Vierten Allgemeinen Deutschen Turntag nach Weimar. Auf diesem Turntag beschloß man am 21. Juli 1868 endgültig den Zusammenschluß aller Vereine zur "Deutschen Turnerschaft" (DT). Durch das Grundgesetz der DT erhielt die Turnbewegung eine einheitliche Organisation mit einer festen Struktur, die die Zusammenfassung der Vereine zu Gauen und diese wiederum zu Kreisen bewirkte.

Die Konstituierung der Deutschen Turnerschaft konnte zunächst den Mitgliederschwund nicht rückgängig machen. Es waren die Vereine selbst, die nach 1868 versuchten, für neue Mitglieder attraktiver zu werden, indem sie ihr Übungsangebot wesentlich veränderten. Beispielsweise wurden die volkstümlichen Übungen verstärkt gepflegt, dem Turnen mit Schülern und der Beteiligung der Turner an der freiwilligen Feuerwehr mehr Bedeutung zugemessen. Bald entstanden mehrere Turnerfeuerwehre, und in Orten, in denen es noch kein Schulturnunterricht gab, übernahmen die Vereine diese Aufgabe.

Grundlage der Geschichtsseiten ist eine Wissenschaftliche Arbeit für die Zulassung zum 1. Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien unter dem Titel: "Die historische Entwicklung des Turn- und Sportvereins 1874 Rüppurr e.V. von den Anfängen bis heute", angefertigt im Dezember 1998 von Kirstin Klee aus Forst am Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Karlsruhe unter Prof. Dr. Georg Kenntner.