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Der Turnverein Karlsruhe-Rüppurr nach dem 1. Weltkrieg

Viele Vereine waren während des Krieges gezwungen, ihre Vereinstätigkeit einzustellen, so daß nach Kriegsende der Betrieb teilweise völlig neu organisiert werden mußte. Auch die Deutsche Turnerschaft rief ihre Mitglieder in der Deutschen Turnzeitung zu folgendem auf:

"...festen Blickes in die Zukunft zu schauen und getreu unseren Satzungen und unseren Überlieferungen durch ernste Arbeit an der deutschen Jugend, mitzuwirken am Wiederaufbau des zertrümmerten und doch so lebensstarken Vaterlandes. Die Deutsche Turnerschaft muß sich auch in diesem Sturme, der unser Vaterland durchbebt, als das feste Band beweisen, das die Deutschen einig und fest zusammenhält."

1919

Auch der Turnverein Rüppurr kam nach Ende des 1. Weltkrieges zunächst vollständig zum Erliegen. Tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten, meist politischer Natur, trieben die Gemüter aus- und gegeneinander, so daß eine Wiederaufnahme des Turnbetriebs vorerst unmöglich schien.

Dagegen hatte sich die Freie Turnerschaft (Arbeiter-Turnverein) in Rüppurr schneller von den Rückschlägen des Krieges erholt und den Turnbetrieb wieder aufgenommen. Um weiter turnen zu können, wechselte daher eine Anzahl der Mitglieder zur Freien Turnerschaft, zu der 1919 der gesamte "Turnverein 1874" übertrat. Die "Freien Turner" sollten angeblich die günstige Gelegenheit in sofern ausgenutzt haben, daß sie "Name, Tradition, die stolze Fahne, Turngeräte und vieles andere" vom ehemaligen Turnverein Rüppurr mitübernommen hätten.

1924
Wiederaufbau und zweite Neugründung des Vereins

Erst mit der Einkehr geordneter Verhältnisse konnte die lange Vereinsstillegung überwunden werden. Schon einige Zeit vor der Wiedergründung trafen ehemalige Vereinsmitglieder dazu im Stillen Vorbereitungen.

1924 war es dann soweit: Im Jahr des 50-jährigen Bestehens "begann der Verein sein neues Werk und mit fanatischem, echt Jahn`schem Turngeist, war bald wieder die Oberhand über die ,Freien Turner' gewonnen." Dieses Mal war es Fritz Kiefer, der langjährige Schriftführer und spätere Vorstand des Vereins, der an den Vorarbeiten zur Neugründung den höchsten Anteil hatte. "Mit viel Willenskraft und unermüdlich warb, weckte und gewann er die Gleichgültigen oder Verzagten." Die denkwürdige Gründungsversammlung fand am 6. September 1924 im Saal des Gasthauses zum Eichhorn statt. Nach reichlicher Beratung beschloß man, einen neuen Turnverein zu gründen und zwar auf der Grundlage:

"...'Frei von Politik' der jedem Menschen egal welcher Richtung er angehört, Gelegenheit geben sollte, sich von den Alltagsmühen und Sorgen durch Ausübung des Turnsports zu stärken."

Darin brachte der neue Turnverein gleich zu Beginn zum Ausdruck, daß er als bürgerlicher Verein im Gegensatz zu dem parallel existierenden Arbeiter-Turnverein in Rüppurr keine Einschränkungen bezüglich seiner Mitglieder machen werde. Als einziger sprach sich der Arbeiter-Turnverein auf der Versammlung gegen die Neugründung des Turnvereins aus. Die Aussage von Jakob Schaudt, Mitglied der Rüppurrer Fußballgesellschaft 1904, bestätigte die Unbeliebtheit dieses Vereins im Ort:

"...da spielt der Lehrling neben seinem Prinzipal Fußball, dagegen bei den Arbeitervereinen wird mit allen Mitteln gearbeitet, um den Kampf gegen andere Vereine anzustacheln."

Schließlich stimmte die Mehrheit für den neuen Turnverein, dem sogleich 68 der Anwesenden beitraten. Noch auf der Gründungsversammlung wurde beschlossen, der Deutschen Turnerschaft sowie dem Karlsruher Turngau beizutreten. Den Mitgliedsbeitrag hatte man auf 33 1/3 Pfennige pro Monat festgelegt.

Bereits eine Woche später wählte man auf der Generalversammlung am 13. September 1924 folgende Mitglieder zur Vorstandschaft:
    1. Vorsitzender: Fritz Kiefer
    2. Vorsitzender: Friedrich Klotz
    Kassier: Oskar Fischer
    Schriftwart: Josef Strähle
    1. Turnwart: Fritz Eller
    2. Turnwart: Hermann Kritzer
    Gerätewart und Zeugwart: Christian Schumm
    Beiräte: Kurt van Venrooy, Leopold Frank, Julius Rastätter

Gründung einer Frauenabteilung und einer Jugendabteilung

Auf verschiedenen Gebieten mußte sich der Turnverein Rüppurr dem neuen Zeitgeist stellen. Die Einführung des Wahlrechts für Frauen 1919 und die Einflüsse der Frauenbewegung ergaben entsprechende Rückwirkungen auf das Vereinsleben. Noch im selben Jahr kam es zur Gründung einer Frauenabteilung und einer Jugendabteilung. Unter dem zielbewußten Übungsprogramm des Frauenturnwarts Hermann Kritzer boten die Turnerinnen schon bald eine Augenweide bei Schauvorführungen und Festivitäten. Bereits im Sommer 1925 konnte die Damenabteilung mit 10 Turnerinnen auf dem ersten Kreisfrauenturnfest in Heidelberg die Diplomurkunde erringen. Das große Interesse an der Förderung der Jugend innerhalb des Vereins wird deutlich in einem Schreiben Fritz Kiefers an das Stadtschulamt. Darin heißt es:

"Zweck und Ziel des neugegründeten, parteipolitisch und konfessionell streng auf 'neutralem Boden' stehenden Vereins sind, mit beizutragen an dem Wiederaufbau der körperlichen, sittlichen und moralischen Ertüchtigung des deutschen Volkes und speziell unserer deutschen Jugend."

Innerhalb kurzer Zeit gelang es dem Verein, eine beachtliche Jugend-, Schüler- und Schülerinnenabteilung hervorzubringen. Mit der Anschaffung der drei Geräte Sprungpferd, Spannreck und Barren konnte der Verein seinen Turnbetrieb weiter ausdehnen. Die Übungsstunden fanden in der Halle der Riedschule und an mehreren Abenden im Saale des Gasthauses zum Eichhorn statt. Die Teilnahme an Gaukinder- und Gaujugendtreffen wurde schon bald zur Regelmäßigkeit.

Gründung der Handballabteilung

Bei der Neugründung 1924 kam es schließlich auch zur Aufnahme des Handballsports in den Spielbetrieb. Im Turnverein stieß diese Ballspielart mit ihrem Wettkampfcharakter zunächst auf Ablehnung bei den traditionellen Turnern. Doch die Ausbreitung des Sports in Deutschland war weit vorangekommen und hatte viele Anhänger gefunden. Mit der Gründung einer Handballabteilung paßte sich der Turnverein Rüppurr dem Trend der umliegenden größeren Vereine an. Daraus ergab sich gleichzeitig der Wunsch nach einem eigenen Turn- und Spielplatz. In mehreren Schreiben an die Stadt Karlsruhe machte der 1. Vorstand Fritz Kiefer immer wieder auf die dringende Notwendigkeit eines eigenen Vereinsplatzes aufmerksam:

"Wir betonen, daß eine moderne Sportplatzanlage für unseren Verein, wie für die Pflege der Leibesübungen und des Sports in unserem Stadtteil überhaupt, eine Lebensfrage bildet."

1926

Nach einigen mühsamen Verhandlungen gelang es der damaligen Vereinsleitung schließlich, ein Wiesengrundstück im "Gewann Kuhlager-Seele" unterhalb der Gartenstadt von der Stadt gegen einen Mietzins zu erhalten. Die Herrichtung des genannten Grundstückes in ein brauchbares Spiel- und Übungsfeld und die Errichtung eines eigenen Vereinsheimes erforderten viele fleißige Hände und vor allem große finanzielle Opferbereitschaft unter den Vereinsmitgliedern. 1926 konnte die Sportanlage fertiggestellt werden und bereits im September 1927 das Turnerheim auf dem Platz eingeweiht werden.

Unter den verbesserten Voraussetzungen erreichten die turnerischen und spielerischen Leistungen des Vereins in den folgenden Jahren ein beachtliches Niveau. Dies zeigte sich vor allem an der Teilnahme des Vereins an mehreren Gau- und Landesturnfesten sowie am 14. Deutschen Turnfest 1928 in Köln. Weiter wurden regelmäßig Handballspiele gegen benachbarte Vereine ausgetragen und auf der eigenen Platzanlage durchgeführt. Seit 1929 nahm die 1. Handballmannschaft des Turnvereins 1874 Karlsruhe Rüppurr an der Verbandshandballrunde teil.

Erfolgreiche Teilnahme an Wettkämpfen und Turnfesten

Neben der Mitgliederwerbung war der Vereinsleitung die Kontaktaufnahme zu den Rüppurrer Ortsvereinen und zu anderen badischen Turngemeinschaften ein großes Anliegen. Häufig wurden Wettkämpfe und Schauturnen zusammen mit auswärtigen Vereinen veranstaltet und die zahlreichen Wanderfahrten dazu genutzt, Kameradschaften zu schließen oder für das Turnen und die Gründung eines Turnvereins zu werben. Die Geselligkeit innerhalb des Rüppurrer Turnvereins wurde dabei keineswegs vernachlässigt. Zu den eindrucksvollsten Veranstaltungen im Jahr zählten das Sportfest, der Maskenball und die Weihnachtsfeier.

1930

Ein besonderer sportlicher Höhepunkt stellte das 15. Badische Landesturnfest 1930 in Mannheim dar. 300 Vereine mit insgesamt 12.000 Turnern waren erschienen. Auch der Rüppurrer Turnverein nahm mit einer 28 Mann bzw. Frau starken Vereinsriege an verschiedenen Wettkämpfen teil. Stolz wird in einem Zeitungsartikel von den Erfolgen der Rüppurrer Turner berichtet:

"Alle Turner hätten wohl gern ein Siegeszeichen nach Hause getragen, doch war es uns allen eine große Freude, die mit dem Siegerkranz geschmückten Turner aus unseren Reihen marschieren zu sehen... Bei den Pflichtkeulenübungen und dem freigewählten Gerät (Barren) errang sich der Verein die gute Gesamtleistung mit 75 Punkten von 80 erreichbaren den Kranz 1. Klasse, den die Turner ihrem tüchtigen Fachmann und Leiter, dem Männerturnwart Herrn Fritz Eller mit verdanken."

 

Die Zeit der Weimarer Republik 1919-1933

Am 28. Juni 1919 kam es zur Unterzeichnung des Friedensvertrages im Spiegelsaal des Schlosses zu Versaille. Deutschland wurde zur Abtretung großer Landesteile und hohen Reparationszahlungen an die Allierten verpflichtet. Die Folgen des verlorenen Krieges und die harten Bedingungen des Versailler Friedensvertrages brachten Deutschland an den Rand des wirtschaftlichen Ruins. Durch die Zunahme der Arbeitslosigkeit und der Inflation kam es zu immer neuen innenpolitischen Krisen, wie z. B. dem Kapp-Putsch und dem Spartakus-Aufstand im Ruhrgebiet 1921, der Polenaufstände 1921, der Ermordung Rathenaus im Jahre 1922 und dem Hitler-Putsch in München 1923. "Dies alles macht deutlich, wie die junge Weimarer Republik zu kämpfen hatte, um der innen-, außen- und wirtschaftspolitischen Schwierigkeiten Herr zu werden."

Im krassen Gegensatz dazu standen die nach der Bekämpfung der Inflation aufkommenden sogenannten "goldenen 20er Jahre". In vollen Zügen genossen die Überlebenden des Ersten Weltkrieges die "Befreiung von gesellschaftlichen Konventionen und moralischen Tabus der Kaiserzeit". Infolgedessen erlebte der Sport und die Leibeserziehung einen großen Aufschwung.

Die Turn- und Sportverbände konnten sich trotz materieller und personeller Schwierigkeiten rasch wieder erholen und gewannen zunehmend an Beliebtheit unter der Bevölkerung. Besonders die Sportverbände registrierten ständig steigende Mitgliederzahlen, so daß sie bald die der Deutschen Turnerschaft überholt hatten. Der Sport entwickelte sich regelrecht zu einem Massenphänomen. Dabei spielte nicht nur die steigende Zahl der Sporttreibenden eine Rolle, sondern auch die wachsende Zahl der Zuschauermassen. "Die Publizität des Sports wurde so zwingend, daß er Tausende und aber Tausende in seinen Bann zog, für die das Zuschauen zum Sport wurde."

Die wachsenden Spannungen zwischen Turnen und Sport

Trotz des enormen Aufschwungs der Turn- und Sportbewegung, die sich in einer noch nie dagewesenen Vielfalt der sportlichen Aktivitäten äußerte, war man untereinander zerrissen. Es standen sich Turnen und Sport sowie bürgerlicher Sport und Arbeitersport gegenüber. "Diese Zerrissenheit war ein Abbild der wachsenden Spannungen in der Gesellschaft der Weimarer Republik insgesamt." Die Gegensätze zwischen Turnen und Sport verschärften sich zunehmend. Die Zusammenarbeit zwischen der Deutschen Turnerschaft (DT) und dem Deutschen Reichsausschuß für Leibesübungen (DRA), welcher alle bürgerlichen Sportverbände unter sich zusammenfaßte, wurde immer schwieriger. Die verschiedenen Auffassungen über die Aufgaben, Zielsetzungen und Betreuung der einzelnen Sportarten und Fachgebiete führten zu heftigen Auseinandersetzungen.

Obwohl sich die DT zu einem Breiten- und Freizeitsportverband für weite Kreise der Bevölkerung entwickelt hatte und große Fortschritte im Aufbau einer Turnerjugend verzeichnete, konnte sie nicht an die Göße der erstarkten Sportverbände herankommen. Die DT wollte sich dennoch nicht damit zufrieden geben, nur als Fachverband für Gerätturnen und Turnspiele zu gelten. Im Dezember 1922 beschloß man schließlich auf der Hauptausschußversammlung der DT die sogenannte "reinliche Scheidung" und somit die Trennung von Turnen und Sport. Danach war die "gleichzeitige Mitgliedschaft von Vereinen und Abteilungen zur DT und zum Sportdreierverband (Fußball, Schwimmen, Leichtathletik)" streng untersagt. Von nun an wollte man Schwimmen und Leichtathletik vermehrt in der Turnerschaft fördern.

Als der DRA den Beschluß faßte, an den Olympischen Spielen in Amsterdam teilzunehmen, nahm dies die DT zum Anlaß, um im August 1925 aus dem Deutschen Reichsausschuß endgültig auszutreten. Der DRA hatte sich mit der Entscheidung für die Olympischen Spiele über die DT hinweggesetzt, die zuvor "auf Grund ihrer Geschichte und ihrer vaterländischen Wesensart erklärt" hatte, "daß, solange ein Feind auf deutschem Boden stünde, ihr eine Teilnahme unmöglich wäre." Eine Entspannung des Verhältnisses zwischen Turnen und Sport stellte sich erst zu Beginn der 30er Jahre ein, als die "reinliche Scheidung" zurückgenommen wurde.

Grundlage der Geschichtsseiten ist eine Wissenschaftliche Arbeit für die Zulassung zum 1. Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien unter dem Titel: "Die historische Entwicklung des Turn- und Sportvereins 1874 Rüppurr e.V. von den Anfängen bis heute", angefertigt im Dezember 1998 von Kirstin Klee aus Forst am Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Karlsruhe unter Prof. Dr. Georg Kenntner.